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360° Videos - Menschen zur Bundestagswahl: Das Ruhrgebiet als Politiklabor?

Ein Gespräch mit dem Komponisten Michael Em Walter in Gelsenkirchen

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360° Videos - Menschen zur Bundestagswahl: Das Ruhrgebiet als Politiklabor?

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Was beschäftigt die Menschen in Deutschland? Was wünschen sie sich von der Politik? In den Wochen vor der Bundestagswahl reisen wir mit einer 360°-Kamera durch die Republik und befragen sie. Bei allen neun Folgen unserer Serie arbeiten wir mit Regionalmedien zusammen, die für uns vor der Kamera die Interviews geführt haben. Die Protagonistinnen und Protagonisten erzählen uns, was ihre Sorgen, Hoffnungen und Wünsche sind.

In Gelsenkirchen haben wir zusammen mit dem Stadtmagazin isso den Komponisten Michael Em Walter getroffen. Der 35-Jährige ist in der Stadt im Ruhrgebiet aufgewachsen und lebt dort heute mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Wie viele Menschen aus dem ehemaligen Kohlenpott ist er stark in seiner Heimat verwurzelt – hadert aber auch immer mal wieder mit ihr. Walter lebt in einer Stadt, die zwar mit einem renommierten Musiktheater aufwarten kann, in der es aber andererseits kaum Publikum für klassische Konzerte oder Theater gibt. Dadurch hat er als Komponist für klassische und vor allem Neue Musik einerseits viele Freiheiten, andererseits ist der Kulturetat in einer armen Kommune wie Gelsenkirchen begrenzt – ein Problem, vor dem viele Kulturschaffende stehen.

Musik als Experimentierfeld

Denise Klein, isso.: “Michael, du bist Komponist. Warum machst du diesen Beruf?”

Michael Em Walter: “Das ist eine interessante und gute Frage, denn sie hat indirekt vielleicht schon mit der Stadt zu tun, in der wir uns befinden, Gelsenkirchen. Ich bin hier über knapp 20 Jahre lang groß geworden in dem Bewusstsein, dass es Dinge zu gestalten gibt. Also habe ich mir für meine Arbeit, so erkläre ich mir das jetzt mal, mein eigenes Experimentierfeld gesucht und da kam dann ziemlich bald die Musik infrage. Das war zunächst eine Sache, die ich nicht kannte, denn mein Elternhaus war nicht musikalisch. Bis heute ist die Musik dieser Gestaltungsraum geblieben, in dem ich mich von Projekt zu Projekt frei entfalten kann.”

Gelsenkirchen ist die Stadt, die den Niedergang der Kohleindustrie im Ruhrgebiet wohl am schlechtesten verkraftet hat. Sie hat mit 14% die höchste Arbeitslosenquote in Nordrhein-Westfalen. Der Durchschnitt liegt im Ruhrgebiet bei 10, landesweit bei 7,5 und bundesweit bei 5,6 Prozent. Wer durch Gelsenkirchen läuft, dem fallen sofort der hohe Migrationsanteil und die vielen sanierungsbedürftigen Häuser auf. In der 260.000-Einwohner-Stadt gäbe es genau eine Kneipe in der Innenstadt, in der Leute in seinem Alter und aus seinem Umfeld hingehen würden, so Walter. Seine Frau berichtet, dass die Verkäuferinnen im Drogeriemarkt in der Innenstadt genervt sind, weil zum Schulanfang die Scheren von der Geschenkeeinpackstation geklaut werden. Nirgendwo sonst bekam die AfD bei den Landtagswahlen im Mai so viel Zustimmung wie in Gelsenkirchen – sie erhielt bis zu 15 Prozent der Stimmen.

„Bundestagswahl für Gelsenkirchen besonders bedeutend“: Warum die isso. bei unserer Serie dabei ist

Klein: “Gelsenkirchen ist ja eine der strukturell schwächsten Kommunen in einer ohnehin gebeutelten Region. Was magst du an Gelsenkirchen, wo siehst du Chancen, welche Risiken gibt es?”

Walter: “Ich empfinde Gelsenkirchen in den guten Momenten, die die Stadt hat, immer als erstaunlich bodenständig und absolut normal. Das ist etwas, das ich sehr, sehr mag. Damit kann ich mich sehr, sehr gut identifizieren und es tut mir gut.“

Politik: „Es mangelt an großen Visionen“

Walter: „Die Risiken liegen meiner Einschätzung natürlich im nach wie vor nicht vollzogenen Strukturwandel. Das ist eine Tatsache, mit der sich die Stadt und die gesamte Region nach wie vor schwertun. Es mangelt an großen Visionen, die meiner Einschätzung nach nicht zustande kommen, weil Politik gezwungen ist, in kurzfristigen Vier- oder Fünfjahresrhythmen zu denken.“

„Was also nötig wäre, wäre, das Ruhrgebiet als etwas zu definieren, was es noch nicht gibt. Mir kommt dann schnell der Gedanke, dass man die Gegend hier zu einer Art Experimentierfeld für das Leben im 21. Jahrhundert machen könnte. Das könnte ein Labor werden für das bedingungslose Grundeinkommen. Das heißt, wir probieren das hier einfach mal, weil wir sowieso nichts zu verlieren haben. Das könnte ein Labor werden, in dem wir kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr ausprobieren. Und schon hätten wir zwei, drei kleine Sachen etabliert, für die es sich lohnen würde, auch von außen hierherzukommen und gerne hierher zu kommen.”

Walter arbeitet regelmäßig auch mit Theatermachern zusammen. Im Herbst hat ein Stück Premiere, das er zusammen mit einem Regisseur aus Dortmund geschrieben hat. Anhand der Fragestellung „Reformation, was bedeutet das heute?“ wollten die beiden im Lutherjahr 2017 von Menschen in ganz Deutschland wissen, was deren Vorstellungen von Gerechtigkeit sind. Walter bezeichnet sich selbst als politischen Menschen, kann sich aber nicht vorstellen, in die Politik zu gehen.

„Liebäugelei mit Schwarz-Grün unter aller Sau“

Klein: „Ungefähr die Hälfte der Deutschen weiß immer noch nicht, was sie wählen soll. Weißt du, für wen du stimmen wirst?”

Walter: „Mit letzter Sicherheit weiß ich es ehrlich gesagt auch noch nicht, das war in den vergangenen Jahren immer anders. Ich habe grundsätzlich grün gewählt, weil mir dieser ökologische Gedanke, den die grüne Partei vertritt, nach wie vor wichtig ist und schon immer wichtig war. Es gibt zwei Bereiche in der Politik, die mir ganz besonders wichtig sind, das ist erstens die Ökologie und zweitens die Gerechtigkeitsfrage. Ich werde entweder die Linkspartei oder die Grünen wählen, bin mir aber ziemlich unsicher.“

Klein: „Wo haderst du?“

Walter: „Mir fehlen die großen Gedanken bei den Grünen. Das ist mir alles zu pragmatisch gedacht und diese Liebäugelei mit Schwarz-Grün finde ich ehrlich gesagt ziemlich unter aller Sau.“

Klein: “Du hast gerade das Thema soziale Gerechtigkeit angesprochen. Martin Schulz proklamiert das Thema ja stark für sich und seine SPD. Das wäre keine Alternative für dich?”

Walter: “Das wäre sicherlich auch eine Alternative, wenn die SPD in der Lage wäre, sich stärker zu einem rot-rot-grünen Bündnis zu bekennen. Ich bin ja der festen Überzeugung, dass es nach wie vor eine linke Mehrheit in Deutschland gibt und wenn diese drei Parteien, die Linke, die SPD und die Grünen, sich mal auf gemeinsame Positionen einigen könnten, dann hätten wir wahrscheinlich am 25. September eine rot-rot-grüne Koalition, da bin ich mir relativ sicher, dass das funktionieren könnte. Das würde dem Land auch guttun. Nach so und so viel Jahren Merkel, Schlaf, Stillstand. Das wäre für mich nämlich der wichtigste Grund, Frau Merkel abzuwählen. Ich bin mal wieder bereit für eine Alternative.”

Produziert von: Carolin Küter
in Zusammenarbeit mit Denise Klein, isso.
Schnitt: Nathalie Texier
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Hier finden Sie alle bisher produzierten Folgen unserer 360°-Serie zur Bundestagwahl.